ÜBERSETZUNG
eines Berichts
aus

PREMIERE - Le Magazine du Cinéma N° 109
Frankreich, April 1986 :


Vier Jahre nach „Am Anfang war das Feuer" nun Jean-Jacques Annauds neuer Film

DER NAME DER ROSE

mit Murray Abraham und Sean Connery


Annaud ist ein Mann, der wirklich jede Herausforderung annimmt. Diesmal hat er nicht einmal vor dem Mittelalter zurückgeschreckt und eine Adaption desjenigen labyrinthischen Buches von Umberto Ecco (sic) geschaffen hat, in dem es vorwiegend um mysteriöse Morde in einem Kloster und um für Ketzer bestimmte Scheiterhäufen geht … Wir haben Annaud auf dem Lande in der Nähe der Stadt Rom beobachtet, wo eine riesige Filmkulisse entstanden ist.

Fotos: Marianne Rosenstiehl

Beim Dreh

Zwei Ansichten der Abtei (von vorne und von hinten)

Diese Filmkulisse ist die größte in Europa seit… dem Dreh von „Kleopatra" ! Dante Ferretti, der die Bauarbeiten überwacht hat, ist überzeugt: „Die Klöster des XIV. Jahrhunderts können wir heutigen Menschen uns gar nicht mehr vorstellen. Uns war deshalb wichtig, daß der Zuschauer etwas von diesem Gigantismus, diese Überdimensionalität spürt." Einzig die sichtbare Vorderseite wurde gebaut, entsprechend krass ist dann auch Gegensatz zwischen, auf der einen Seite, dem unechten Stein und auf der anderen Seite dem Baugerüst. Neben der Abtei selbst wurden weitere Örtlichkeiten nachgebildet: Der neben der Kirche befindliche Friedhof, die Kräuterküche, die Scheune, weiterhin ein achteckiger Turm, der die in Cinecittà erbaute Bibliothek und das Labyrinth beherbergt. Von der Gesamtheit dieser Filmkulisse wird jedoch aufgrund des großen Brands am Ende des Films bald nichts als Asche übrigbleiben.

Unser Auto hat Rom vor gut einer halben Stunde verlassen. Wir fahren auf einer nicht befestigten Straße hoch auf eine Erhebung, wo wir schließlich zum Stillstand kommen. Skeptisch betrachte ich meine Füße. Man hatte uns geraten: „Kauft euch Gummistiefel, wir stapfen im Dreck herum." Am Ende jedoch ist das Gelände trocken und meine Füße wiegen Tonnen. Wir durchschreiten ein Säulentor und sind von einem Moment auf den anderen überwältigt. Vor uns erhebt sich eine majestätisch anmutende Kulisse aus einer anderen Zeit… Ein Kloster, der Hof einer Landwirtschaft, ein Brunnen, ein Bauernkarren und etwas weiter entfernt ein riesiger Turm. Plötzlich ein Stimmengewirr zu unserer Rechten: Um die fünfzig Mönche murmeln am Fuße eines Scheiterhaufens mit düsterer Mine betend vor sich hin, die Unterseiten Ihrer Kutten schleifen im Schlamm…

Den verdanken wir Jean-Jacques Annauds Leidenschaft für Originaltreue. Um das Ganze echter wirken zu lassen, hat er mehrere Tonnen davon auf der Erhebung verteilen lassen. Und weil darauf acht Stunden lang sintflutartige Regenfälle niedergegangen sind, sind die Techniker des Films gekleidet wie Landschaftsgärtner…

Hier dreht Jean-Jacques Annaud eine der Schlußszenen von „Der Name der Rose" in der sich zwei Handlungen gleichzeitig abspielen. Während die Mönche vor uns noch ein kleines Gebet sprechen, um dann einige Ketzer bei lebendigem Leibe verbrennen, wird der Turm, der die Bibliothek und das Labyrinth beherbergt und zugleich Ort der Intrige ist in Flammen aufgehen und die Hinrichtung unterbrechen…

Um den Hügel herum befinden sich Lichtstrahler, außerdem, um den Scheiterhaufen herum in unterschiedlichen Höhen, vier Kameras, die mehrere Blickwinkel abdecken. Zwischen dem Fuß des Hügels, wo bald die Ketzer verbrannt werden, und dessen Gipfel, wo sich ein Großteil des Filmteams versammelt hat, geht unaufhörlich ein Mann auf und ab. Er eilt, gestikuliert, spricht mit den Mönchen, inspiziert die Wachspuppen, die auf den Scheiterhäufen befestigt sind, diskutiert mit dem Kameramann und kehrt schließlich zurück, um uns zu empfangen, und das alles innerhalb weniger Sekunden. Man kann sich am Set keinen Regisseur vorstellen, der mehr Energie versprüht als Jean-Jacques Annaud. Indem man ihn einige Minuten lang beobachtet, beantwortet sich so manche Frage von ganz alleine. Selbstverständlich ist er total verliebt in seinem Film und hat in den letzten vier Jahren zu keinem Zeitpunkt daran gezweifelt, ein geradezu schwindelerregendes Projekt erfolgreich zu Ende bringen zu können: die Verfilmung des gleichermaßen brillianten und verwirrenden Roman von Umberto. Ein Krimi in einer mittelalterlichen Abtei mit Opfern, falschen Fährten und, ganz am Ende, einem Schuldigen, mit dem niemand gerechnet hätte. Zugleich handelt es sich aber auch um eine Reflektion über die Macht, auch die Macht des Lachens… Ein Meisterwerk der Literatur, von dem Annaud, selbst leidenschaftlich an Geschichte interessiert, einfach fasziniert sein mußte. Wenn man Annaud bei der Arbeit sieht, stellt man schnell fest, daß er der Dreh- und Angelpunkt des aus 200 Personen bestehenden Filmteams ist. Der Kameramann, Tonino Delli Colli, der bereits mit Ferreri, Pasolini und Leone gedreht hat, singt wahre Lobeshymnen auf ihn: „Er ist präzise und schnell, versteht perfekt mit Leuten umzugehen, und hat sein Drehbuch so gut im Kopf, daß keine Sekunde verlorengeht."

Innerhalb von vierundzwanzig Wochen wird der Film, dessen Budget bei sechzehn Millionen Dollar liegt, abgedreht sein. Ein Dreh, der einen aufgrund der Tatsache, daß er in einem unwirtlichen Winter stattfindet, auf so einige harte Proben stellt, denn weder das Set in Deutschland (wo die Innenszenen gedreht wurden) noch das in Italien ist beheizt. Immerhin versprechen die nächsten Drehwochen in Cinecittà, die zugleich die letzten sind, etwas erträglicher zu werden. Im in Cincecittà aufgebauten und im Turm befindlichen Labyrinth werden Innenszenen gedreht. Momentan brennt gerade der Turm, Annaud schüttelt jedoch den Kopf: Der Qualm ist weiß, obwohl er ihn doch rot wollte. Seine Anweisungen werden von Walkie-Talkie zu Walkie-Talkie weitergegeben in einer Mischung aus Französisch, Deutsch und Italienisch. Mittlerweile ist Filmarchitekt Dante Ferretti, der bei fast allen Fellini-Filmen mit von der Partie war, gekommen, um noch einmal sein so vergängliches Werk zu betrachten. Sein architektonisches Meisterstück, für dessen Konzeption und Bau er fast ein ganzes Jahr gebraucht hatte, wird nämlich bald ein Raub der Flammen werden. Das wiederum kommt dem Produzenten gerade recht, denn er möchte die Filmkulisse um keinen Preis eines Tages in irgendeinem anderen Film wiederentdecken müssen…

Nach dem Proben macht sich das Filmteam daran, die Szene zu drehen. Vor dem Scheiterhaufen der Inquisitor mit seinen Schergen. Ihnen gegenüber betende Mönche. Dahinter Bauern, die gekommen sind, um der Opferung der Verurteilten beizuwohnen. Eines der drei Feuer will nicht brennen, woraufhin der Inquisitor ungeduldig wird. Plötzlich Schreie aus den Reihen der Mönche: Der Bibliotheksturm steht in Flammen! Die Mönche rennen in Richtung des brennenden Turmes, die Bauern, plötzlich vom Mut gepackt, bewaffnen sich mit Steinen und erheben diese drohend gegen die Schergen. Der Inquisitor herrscht die Bauern an und macht sich mit den Seinen auf in Richtung Bibliotheksturm. Auf den Scheiterhäufen zwei der Opfer im Todeskampf, während dem Dritten die Flucht geglückt ist… Es ist jetzt sechzehn Uhr, der Dreh dieser Szene wird jedoch bis spät in die Nacht andauern. Diese Tatsache wird es ermöglichen das Ganze sowohl in Großaufnahme als auch in Nahaufnahme zu drehen. Auf den Scheiterhäufen werden die Wachspuppen durch die Schauspieler selbst ersetzt. Ron Perlman (der schon bei „Am Anfang war das Feuer" mitgewirkt hatte) macht sich mit dank der Maske kaum wiedererkennbarem Gesicht bereit. Seine Mönchskutte steht vor Dreck, seine Hände sind auf dem Rücken zusammengebunden. Die Scheiterhäufen werden angezündet und Annaud fragt, ob alles OK sei. Perlman [alias Salvatore] lacht: „Das glaubst Du wohl! Jetzt, da mir zum ersten Mal, seit wir zusammenarbeiten, so richtig warm ist!" Es folgt der Dreh der Anschlußszene. Perlman, unter der Folter fast wahnsinnig geworden, antwortet dem Inquisitor auf die Frage, ob er dem Teufel abgeschworen habe…

Murray Abraham spielt den Inquisitor. Der Saleri aus „Amadeus" hat seine gepuderte Perrücke gegen die Tonsur eingetauscht. Er hat den dämonischsten Blick, den man sich überhaupt vorstellen kann: Mit Kohle eingefärbte Augenbrauen, eine extrem weiße Maske, die durch die Kälte auch noch verstärkt wird und eine extreme Langsamkeit, die er jeder seiner Gesten verleiht. Die Feierlichkeit mit der er seinen Text vorträgt kombiniert mit seinem bedrohlichen Zischen machen aus ihm eine geradezu faszinierende Verkörperung des Bösen. „Ich hatte die Rolle zunächst abgelehnt", räumt er ein „weil ich nicht schon wieder den Bösen spielen wollte. Die gespielte Persönlichkeit ist jedoch insofern interessant, als sie selbst unverzeihlich und nicht zu rechtfertigen ist. Sie darf nichts als Ekel erzeugen und niemals Mitleid. Es handelt sich bei Bernardo Gui um jemanden, dem jede Menschlichkeit fremd ist."

Eine Szene wird erneut gedreht. Abraham [alias Bernardo Gui] spricht seinen Text und Perlman antwortet ihm mit einem Lied aus seiner Kindheit. Dann neigt sich sein Gesicht, verzerrt sich und bald sieht man nur noch Rauch…

Worin auch immer die Special Effects bestehen, mit deren Hilfe diese Flammen erzeugt werden, sie sehen verdammt echt aus, und mit Erleichterung nimmt man nach dem Dreh der Szene zur Kenntnis, daß das Gesicht des Schauspielers nicht zu Schaden gekommen ist…

Zwei Uhr nachts: Das Filmteam verläuft sich langsam, der unermüdliche Jean-Jacques Annaud jedoch erzählt im Caravan von seinen Film. Von den fünfzehn Versionen des Drehbuchs, von den unterschiedlichen Produzenten, die im Gespräch waren, bevor er den Deutschen Bernd Eichinger getroffen hat, der mit seinen 36 Jahren bereits „Das Boot", „Die unendliche Geschichte" und „Christian F." produziert hatte. Er alleine ist Produzent des Films, für den er in Deutschland auch den Vertrieb besorgt. Ohne bestimmte Reihenfolge einige der Drehbuchautoren, die in irgendeinem Stadium einmal beteiligt waren: Gérard Brach, Alain Godard und Andrew Birkin (der Bruder von Jane in „Die Piratin", hauptberuflich Drehbuchautor). Zusammen mit ihm hat Annaud eine Woche lang am Computer das Drehbuch komplett neu geschrieben. Am letzten Tag wurde der Speicher des Computers durch einen kleinen Bedienungsfehler zur Hälfte gelöscht. Eine ganze Woche Arbeit für immer verloren… Annaud jedoch erzählt dies voller Humor und Enthusiasmus. Er ist stolz auf seinen Film, bei dem es ihm an absolut nichts fehlt, er ist begeistert von seiner Filmkulisse und erst recht von seinen Darstellern. „Sean Connery ist der Mercedes unter den Schauspielern, die Perfektion in Person. Die noch so kleinste Andeutung genügt und man man bekommt genau das, was man von ihm erwartet. Murray Abraham dagegen ist eher ein Rennwagen, mit einer geradezu schwindelerregenden Beschleunigung. Er strahlt eine schreckliche Kraft aus, die seinem Spiel eine unheimliche Macht verleiht. Und eine der Schlüsselrollen ist mit Chaliapins Sohn (1) besetzt, der ebenfalls Feodor heißt. Er ist vierundzwanzig Jahre alt, spielt hier seine erste Rolle und wird „Junior" genannt. Wenn man dieser Liste dann noch Namen wie Michael Lonsdale und Lucien Bodard hinzufügt, so bekommt man eine Vorstellung davon, welche Ausstrahlung von all diesen als Mönchen gekleideten Männern ausgeht. Annaud lächelt bei der Frage, ob er sehr von Ecos Buch abgewichen ist: „Ich habe ein Palimpsest geschaffen." Er lacht laut los: „Das ist meine Standardantwort auf diese Frage, dieses Wort kennt nämlich absolut niemand! So nennt man alte beschriebene Pergamente, deren Inhalt abgekratzt wurde, damit man sie noch einmal verwenden kann, unter denen aber noch Fragmente der Texte der jeweiligen Epoche durchscheinen. Das Buch wird im Film also in jedem Fall durchkommen. Nichtsdestotrotz will ich meine eigene Vision des Buchs verfilmen, das ja auf ganz unterschiedliche Art und Weise gelesen werden kann. Eco, der das sehr gut verstanden hat, hat mich hierzu übrigens ermutigt".

Und tatsächlich mußte jeder Leser seinen ganz persönlichen Film vor Augen gehabt haben. Bei dem Text „Auf einem Stuhl saß ein alter Mann", wird ein Jüngling im Alter von zwölf Jahren zum Beispielt an einen Vierzigjährigen denken, der auf einem Kunstlederstuhl sitzt, während diese Beschreibung in mir das Bild eines grauhaarigen Mannes mit Stock jenseits der Sechzig entstehen läßt, der auf einem alten Holzstuhl sitzt… Eines hat mir auf jeden Fall großen Spaß gemacht. Im Text alle meine Lieblingssätze anzustreichen um anschließend fast jeden einzelnen von Ihnen in den Kritiken zum Buch wiederzufinden, die ich zu lesen bekam… Am darauffolgenden Tag Wechsel der Filmkulisse. Wir befinden uns nunmehr drinnen, in einem quadratischen Raum, der Kräuterküche. Heute ist Sean Connery alias William von Baskerville bei uns am Set, der Mann, der versuchen wird, Licht in das Geheimnis dieser Reihe von Morden zu bringen. Der Herbalist und er haben im Stall soeben einen weiteren Toten gefunden und machen sich daran, ihn zu reinigen. William informiert sich über die Anwendungsgebiete von Arsen, mit dem einer der Töpfe der Kräuterküche gefüllt ist… Der Tag verheißt nichts Gutes: Man hat die Zahnprotese des Herbalisten Severinus verlegt, und das, wo man den Mönch doch in Großaufnahme filmen wollte… Außerdem befinden sich in dem winzigen Raum derart viele Leute, daß die Atmosphäre sehr angespannt ist. Dazu kommt, daß Darsteller des Toten nackt und auf dem Tisch liegend verharren muß. Jetzt ist es aber feuchtkalt und man kann ihn zwischen den Szenen nicht wieder anziehen, weil man sonst das Blut verwischen würde, mit den man ihm so liebevoll hergerichtet hat. Die Journalisten, am Set wohl am allerwenigsten benötigt, verbringen mehr Zeit außerhalb des Raums als mit den Darstellern. Immerhin jedoch genug um Sean Connery bei der Arbeit zu beobachten, der nach jedem Dreh sorgfältig seinen Kopf bedeckt mit einer kleinen gestrickten himmelblauen Haube, die wohl auf jedem anderen Kopf unmöglich aussähe, nicht jedoch auf seinem. Die Aura, die ihn umgibt ist wirklich beeindruckend, er strahlt eine Würde aus, die alle gleichermaßen zu empfinden scheinen. Wie sagte doch Murray Abraham: „Männer und Frauen lieben Sean gleichermaßen, will heißen, daß er ein toller Kerl ist!" Connery murmelt mit halb geschlossenen Augen eine komplizierte Textzeile, während der Herbalist sein Handwerkzeug zurechtlegt. „Wir drehen!", was für uns bedeutet, daß es Zeit ist, zu gehen…

Unser Aufenthalt am Drehort ist nun vorbei. Bis Jean-Jacques Annauds Vision vom Mittelalter aus unseren Köpfen verschwindet wird jedoch noch lange Zeit dauern…

Michèle Halberstadt

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